30 Jahre Schmerzmedizin am Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen
Paradigmenwechsel in der Schmerzbehandlung – 1981 eröffnete die erste Bremer Schmerzambulanz am RKK
1981 eröffnete ein besonderer Ort der Hoffnung in Bremen: In der ersten Bremer Schmerzambulanz am Rotes Kreuz Krankenhaus (RKK) sollten ausschließlich chronisch kranke Schmerzpatienten Hilfe finden. In ganz Deutschland gab es damals nur ein einziges Zentrum dieser Art, in Mainz. Der dortige langjährige Oberarzt, Prof. Dr. Gholem Sehhati- Chafai, wechselte 1980 als Chefarzt der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin an die Weser. Er knüpfte an seine Einstellung die Bedingung, Norddeutschlands erste Schmerzklinik aufbauen zu dürfen. Das RKK nutzte die Chance: Im April 1981 eröffnete die Schmerzambulanz, Ende des Jahres wurden die ersten Patienten auch stationär behandelt. Die Schmerzambulanz entwickelte sich in den 80er Jahren zum größten Schmerzzentrum in ganz Norddeutschland mit stationären Betten für die Aufnahme chronisch Schmerzkranker. Dazu gehören vor allem Patienten mit Rückenschmerzen, chronischen Kopfschmerzen, Tumorschmerzen, chronisch degenerativen Leiden oder Arthrose, Nervenentzündungen oder Phantomschmerzen, wie sie nach einer Amputation entstehen können.
Die Grundidee der Arbeit in einer Schmerzklinik ist bis heute geblieben: Ärzte und Therapeuten verschiedener Fachrichtungen arbeiten interdisziplinär zusammen. Und doch hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Schon die veränderte Wortwahl macht es deutlich: “Früher sagte man “Schmerztherapie”, heute sprechen wir von Schmerzmedizin“, beschreibt Dr. Joachim Ulma, Chefarzt und Leiter des Bremer Schmerzzentrums am RKK den äußeren Rahmen der Veränderungen. “Die Forschung ist ein Segen“, sagt Ulma. „Wir haben in den vergangenen 30 Jahren sehr viel über neurobiologische Grundlagen und Prozesse gelernt, über Schmerzentstehung, -wahrnehmung und -verarbeitung.“ So gibt es nicht nur ein Schmerzzentrum im Gehirn. Durch Schmerz werden verschiedene Hirnareale angesprochen – zum Beispiel dort, wo Angst, Sorgen, Puls oder Kreislauf verankert sind. Wenn die akuten Schmerzen nicht konsequent behandelt werden, können sich die beteiligten Areale untereinander verschalten und wie ein Schmerznetzwerk verselbständigen - und sich damit der normalen Kontrolle entziehen. Schmerz kann heute sogar sichtbar gemacht werden: Die Schmerzprojektion im Gehirn ist durch funktionelle Kernspintomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie darstellbar. „Wir lernen immer besser, den Schmerz zu verstehen und zu orten“, erklärt der Schmerzexperte.
Die Behandlung von Schmerzen ist heute breiter gefächert denn
je – multimodal, nennen es die Experten. Um eine exakte Diagnose
stellen zu können, kommen Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen
zusammen, beispielsweise Neurologen, Psychologen, Anästhesisten,
Rheumatologen, Orthopäden und verschiedene Therapeuten. Sie untersuchen
den Patienten und erarbeiten in einer gemeinsamen „Schmerzkonferenz“
ein individuell abgestimmtes Therapiekonzept, zum Beispiel mit Akupunktur,
Reizströmen, Bädern oder auch Anwendungen in der Kältekammer. Linderung
versprechen besondere Kathetertechniken, Nervenverödungen, Infusions- und
Blockadetechniken, Spiegeltherapie bei Phantomschmerzen, Spritzen,
Medikamente, Schmerzpflaster, -pumpen etc.
Wenn erkannte körperliche Ursachen ausgeschaltet wurden, ist dann vor
allem die Psychologie von großer Bedeutung. Verhaltenstherapie
beispielsweise kann helfen - etwa in Form von „Schmerzprotokollen“.
Dort hält der Patient genau fest, in welchen Situationen die Beschwerden
einsetzen und wo Überlastungen beginnen. Schon das allein kann heilsam
sein.
Das Wichtigste aber: „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Schmerz ist kein Symptom, es ist eine ganze Dimension umschreibt Dr. Ulma die Tragweite des Leidens. Die Lebensgeschichte, die psychosoziale, kulturelle, gesundheitliche Vorgeschichte – alles fließt in die „Schmerzkarriere“ ein. Schmerz ist ein Ergebnis von Prozessen, die bereits stattgefunden haben. Diese müssen erst verstanden und bewertet werden. „Die psychologischen Mechanismen der Schmerzerhaltung- und Verarbeitung zu verstehen und ernst zu nehmen, steht heute im Vordergrund. Invasive Maßnahmen werden akut eingesetzt, nehmen aber in der Bedeutung für den Therapieerfolg ab“, betont der Schmerzexperte.
Langjährige Rücken-, Kopf- und Nervenschmerzen sind die häufigsten Gründe, das Schmerzzentrum am RKK aufzusuchen. Im Jahr werden hier etwa 270 schwer chronisch Schmerzkranke stationär und etwa 1.200 Patienten ambulant behandelt. Die Klinik für Schmerzmedizin am RKK verfügt über 10 ausgewiesene stationäre Betten in Bremen und ist damit eine der größten Einrichtungen in Norddeutschland.
Am 19. und 20. August feiert die Klinik für Schmerzmedizin am RKK ihr 30jähriges Jubiläum im Rahmen des 12. Bremer Schmerzsymposiums im Swisshotel. Für die große, interdisziplinäre schmerztherapeutische Ärztefortbildung konnten in diesem Jahr Ärzte und Wissenschaftler gewonnen werden, die zu den federführenden Meinungsbildnern auf ihren Gebieten zählen.
Foto zum Abdruck frei bei themengebundener Berichterstattung, Fotograf: Michael Ihle.
Im Bild v.l.: Dr. Joachim Ulma, seit 2005 Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin / Leiter des Bremer Schmerzzentrums, Dr. Walter Klingelhöfer, Kaufmännischer Geschäftsführer des RKK, Prof. Dr. Gholam Sehhati-Chafai, 1980 bis 2002 Chefarzt und Gründer der Klinik für Schmerztherapie am RKK.
Materialien zum Herunterladen
- 30 Jahre Schmerzmedizin am RKK (273,15 KB)
